Vom Rasen und Reisen

Von Johannes, No.002

Dieser Beitrag soll kein technisch geprägter Bericht werden. Denn der Verfasser ist beileibe kein Techniker oder gar begnadeter Schrauber, wie es einzelne Gang-Mitglieder sind. Auch ein Reisebericht ist es eigentlich nicht. Viel mehr soll dieser  Bericht eine Sammlung von Erfahrungen werden, der den Profi unter den Lesern ob seines in seinen Augen naiven Charakters möglicherweise mitleidig lächeln macht, aber trotzdem vielleicht dazu angetan ist, dem Einen oder Anderen Interessenten Mut zu machen, Reiseträume trotz eigener Bedenken zu verwirklichen.

Ich gebe es zu: Ich bin ein Spät-Berufener! Erst 2002, im zarten Alter von 43 Jahren, machte ich meine ersten Sahara-Erfahrungen. Damals als Beifahrer in einem HZJ75 in einer Reisegruppe und während einer vierwöchigen Reise durch Tunesien und Algerien. Ich hatte von nichts auch nur die leiseste Ahnung. Schon gar nicht davon, was mich auf dieser Reise erwarten würde! Tatsächlich bin ich mit völlig falschen Vorstellungen und Erwartungen versehen auf die Reise gegangen – und wurde eines Besseren belehrt!

algerien_02

Ich werde es nie vergessen, als die drei Fahrzeuge (ein HZJ75 mit dem 12-Ventiler HDJ-Motor, ein wunderschön hergerichteter BJ45 mit 2H-Motor und ein recht löchriger HJ60 – Nein! Der war naturbelassen!) irgendwo in Tunesien vom Asphalt der Straße herunter in den, von mir bereits seit einiger Zeit bestaunten, Sand fuhren und begannen, Luft aus den Reifen abzulassen. „Hier wollt ihr weiterfahren? In den Sand? Kann man denn hier mit einem Auto fahren?“ Ich wollte einfach nicht glauben was ich da sah, aber das Staunen fand kein Ende. Der Korso fuhr geradewegs hinein in ein Gelände, dessen Befahrbarkeit ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten hätte. Niemals! Unmöglich! ABSOLUT VERRÜCKT!

algerien_01

Aber ging doch! Anfänglich wurde ich  regelrecht seekrank von dem ständigen Auf und Ab, aber das legte sich rasch. Mit der Zeit lernte ich, dass es sogar und auch gar nicht wenig Spaß machen musste, ein Fahrzeug durch Dünen und Sand zu bewegen. Der glückselige Gesichtsausdruck meines Fahrers war nicht anders zu deuten! Ich war restlos hingerissen von jedem Maulwurfshügel den wir „überstiegen“ und mein kritikloser Respekt vor den fahrerischen Leistungen der Gruppe wuchs von Tag zu Tag. So entwickelte ich auch gar keine Ambitionen es einmal selbst zu versuchen. Zu verwegen erschien mir damals ein derartiges Ansinnen. Es fand sich aber auch niemand, der mir diesbezüglich vorhandene Bedenken auszuräumen half.

algerien_03

So kehrte ich nach vier Wochen, vollgepfropft mit überwältigenden Eindrücken, restlos von der Sahara begeistert und zusätzlich mit der erfreulichen Erkenntnis versehen, dass weder Stress noch hohe Temperaturen meine Stimmung beeinträchtigen konnten, nach Hause zurück.

Eines stand nunmehr unverrückbar fest: Das war nicht die letzte Reise in die Sahara! So ein Auto will ich auch haben! Aber es muss natürlich ein TOYOTA Landcruiser J7 sein! Wollja! Was sonst? Eine zeitnah durchgeführte Marktanalyse ergab leider ein ernüchterndes Ergebnis. Unerreichbar hoch waren für mich die geforderten Preise für gebrauchte J7 in 2003! Hmm…vielleicht ein doch ein anderes Fahrzeug? Zeitweise zog ich sogar einen Nissan Patrol GR in Erwägung (der mit dem langen Radstand, auch bekannt als „Hängebauchschwein“). Aber schließlich sollte es doch ein LandCruiser werden. Und so erwarb ich im Herbst 2003 den nächstbesten HJ60, der mir geeignet schien und der für mich bezahlbar war – obwohl sein Getriebe feucht glänzte und der 5. Gang etwas Geräusche machte. Mein 1964er 220Sb trug uns nach Münster und ich kehrte um einige Tausender ärmer, aber zusammen mit einem 60er in die fränkische Heimat zurück.

Da stand er nun in seiner mattroten Pracht! Mein ganzer Stolz! Mein eigener LandCruiser! Hier und da schon etwas arg rostig, aber was macht das schon! Schönheit liegt eben im Auge des Betrachters. Was störte es da, wenn gestandene J7-Besitzer uns (denn der Toyota und ich waren vom ersten Tag an ein unzertrennliches Paar!) als LandCruiser 2. Klasse betrachteten. Schon irgendwie ein LandCruiser, aber halt auch nicht so richtig…halt eben doch kein richtiges Buschtaxi…  Eine Einschätzung übrigens, der wir auch heute immer noch überall und immer wieder begegnen.

Das alles konnte unser gemeinsames Glück nicht schmälern. Auch die Tatsache nicht, dass das Hauptgetriebe nach wenigen Monaten am Ende war: Es sang und summte jetzt nicht nur erbärmlich, nein, jetzt hatte sich auch noch eine nicht mehr ignorierbare Inkontinenz eingestellt. Aus allen Ecken und Enden troff das Öl aus dem Hauptgetriebe. Das sieht nicht aus, das musste beseitigt werden. Bei dieser Gelegenheit lernte ich dann auch die mittelfränkische LandCruiser-Schmiede  in der Nähe von Weißenburg kennen. Dort half man gern, fachkundig und schnell. Heute weiß ich, es war auch preiswert. Damals war ich entsetzt über die Reparaturkosten, die sich auf 25% des Anschaffungspreises des Wagens beliefen. In schneller Folge starben dann noch beide Batterien, die komplette Auspuffanlage und der Kühler.

Erlaubt mir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs zum Thema Kühler. Wie oft habe ich später noch erlebt, wie Mitreisende ständig über zu hohe Kühlwassertemperatur ihrer Fahrzeuge klagten. Da wurde alles ausgetauscht: Als erstes, weil am leichtesten und am billigsten auszutauschen, der Thermostat. Und weil das nie half, wurde der Thermostat dann komplett entfernt, was aber alles noch schlimmer machte, weil nunmehr die Druckverhältnisse im Kühlsystem überhaupt nicht mehr stimmten. Anschließend gab man dann dem Visko-Lüfter die Schuld. Und weil man in der Regel keinen neuen Visko-Lüfter dabei hatte, sollte die Visko-Kupplung des Lüfters mechanisch blockiert werden, so dass er sich ständig mit voller Drehzahl mitdrehe. Oder man ignorierte die zu hohe Temperatur geflissentlich und so lange, bis der Wasserdruck die Schläuche vom Kühler sprengte. Alles schon dagewesen!

An die sinnvollste, aber leider auch erst einmal unangenehmste, weil teuerste, Möglichkeit denkt man fatalerweise zuletzt! Aber anstatt dem Motor nach 100000 km für 400.- Euro einen neuen Kühler zu gönnen, riskiert man lieber einen defekten Zylinderkopf wegen Überhitzung. Das Geld für einen neuen Kühler ist eine glänzende Investition und ein perfekt arbeitendes Kühlsystem die halbe Miete für eine sorgenfreie Wüstentour! Also: Im Zweifel gegen den Angeklagten! Raus mit dem alten Kühler, gönnt eurem Liebling eine Neuen! Mit freien Kapillaren und Lamellen! Fragt dabei gleich nach der Tropenausführung, denn so etwas gibt es auch. Dann seht ihr langen Weichsandpassagen ganz gelassen entgegen. Ein tolles Gefühl!

Aber nun zurück zu meinem HJ60: Alles zusammen kosteten die notwendigen Ersatzteile ein erkleckliches Sümmchen. Aber was soll´s! Jetzt fehlte ja nicht mehr viel, nur eine Inneneinrichtung die das Übernachten im Fahrzeug ermöglicht und ein gutes Fahrwerk. Kleinigkeiten also, die ja noch etwas Zeit haben würden – dachte ich.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2004. Die hintere Sitzbank war einer Eigenkonstruktion aus Siebdruckplatten gewichen. Diese bot den geforderten Stauraum für Lebensmittel, Wasser und Gepäck, ausreichend Platz für die Zusatzkanister und die geforderte Schlafgelegenheit.

Ich bin bis heute damit zufrieden. Meine Frau übrigens nicht.

Diese Erstkonstruktion wurde schon oft wegen ihrer Einfachheit belächelt, hat aber bis heute ihren Zweck erfüllt und musste erst einmal in 2009 an wenigen Stellen repariert werden, nachdem ein (mea maxima culpa!) vermeidbarer Fahrfehler im Frühjar 2009 in Libyen in einem harten Aufschlag und damit extremen Beschleunigungswerten endete.

Aber soweit sind wir ja noch nicht! Im Frühjahr 2004 überredete man mich zur Teilnahme an einer Reise nach Tunesien. Meine Einwände, der 60er wäre noch nicht so weit, es fehle ja zumindest noch ein gutes Fahrwerk, „richtige“ Reifen und überhaupt, ich wäre vor allem ja noch gar nicht soweit, wurden als für so eine „Kindertour“, wie sie die tunesische Sahara darstelle, als nicht relevant abgetan. „Einen leichteren Einstieg in die Saharafahrerei bekommst Du so schnell nicht wieder!“ – so ein Mitreisender im Vorfeld der Reise.

Die Mitreisenden waren die erfahrenen drei Landcruiser-Besatzungen die ich schon aus Algerien kannte. Aber der wunderschöne 45er war jetzt nicht mehr dabei. Dessen Fahrer hatte ihm in Algerien bei einem Sprung über eine Dünenkuppe wohl einige Verformungen im Fahrgestell verpasst. Er fuhr diesmal mit einem HZJ75. Die Besatzung des HJ60 hatte diesen in der Zwischenzeit für echt wenig Geld verkauft. Nein, leider nicht an mich – obwohl ich ihn gerne gekauft hätte. Man hatte wohl Befürchtungen wegen späterer Reklamationen. Sie fuhren jetzt einen sehr jungen, nagelneu aussehenden HZJ78. Da man ja im Grunde offene Türen bei mir einrannte, ließ ich mich schließlich doch dazu hinreißen zuzusagen. Das war Fehler Nr.1!

So begann ich mich auf die zweiwöchige Tour vorzubereiten. Da war noch so vieles zu beschaffen! Sandbleche (wohin damit beim J6?), Wasserkanister, Spritkanister und ein winziger Gaskocher wurden besorgt. Schließlich erwarb ich noch einen völlig ungeeigneten, aber dafür wenigstens viel zu schweren Spaten (jaja….lacht nur!) für die zu erwartende Schauflerei (Fehler Nr.2). Wie oft ich dieses Monstrum aber noch brauchen würde, davon hatte ich gnädigerweise noch keine Ahnung! Um die Kosten für die Reise zu dämpfen, beging ich Fehler Nr. 3: Ich buchte für die Fähre von Genua nach Tunis und zurück keine Kabine, sondern begnügte mich mit einer Passage im sog. „Pullman-Sitz“. Die lumpigen 22 Stunden schaffe ich auch so – dachte ich! Don´t try this at home – kann ich nur sagen: Ganz böser Fehler! In der Tat eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, die ich aus tiefstem Herzen bereue und auch nur einmal begangen habe.

Tatsächlich kam ich dann auch bereits ziemlich gerädert in Tunis an. Nur die ungeheuere Aufregung half mir dabei die Müdigkeit zu ignorieren. Aber erst die Rückfahrt sollte ein echter Alptraum werden. Aber auch das wusste ich damals gnädigerweise noch nicht.

Die „Carthage“ brachte uns sicher nach Tunis und wir (wir erinnern uns? Wir = Das Dreamteam: Der Toyota und ich) rollten zum allersten Mal zusammen auf Nordafrikanischen Boden. Was für ein Gefühl! Was für ein Abenteuer! Was für ein Wahnsinn…

Es folgte eine, aus heutiger Sicht, unspektakuläre Anreise nach Ksar Ghilane. Aber von nun an gewann ich dann aber so langsam eine Vorstellung, was mich auf dieser „kinderleichten Einsteigertour“ erwartete. Denn von dort begannen wir uns zum „Lac Reched“ durchzufräsen. Das kann bei festem Sand durchaus einfach sein – habe ich mir später sagen lassen. Wir dagegen hatten damals mit extrem weichen Sandverhältnissen zu kämpfen. Es gab einen Tag, da schaffte die Gruppe ganze 3 km Luftlinie – immerhin!

Und man gab mir die Schuld dafür. Wie konnte ich es wagen, mit einem so schlecht vorbereiteten Fahrzeug in die Sahara zu fahren? Ohne vernünftige Reifen! Mit einem völlig durchgerittenen Serienfahrwerk, dessen Blattfedern unter der Beladung waagrecht standen. Und mit montierter Anhängerkupplung! Damit hätte ich für alle Mitreisenden die Reise kaputt gemacht. Unerhört! Mein Einwand, diese Umstände wären allen Mitreisenden bekannt gewesen und ich hätte gerade deswegen so lange gezögert teilzunehmen, wurde geflissentlich ignoriert.

Ich möchte niemanden mit Einzelheiten langweilen. Nur so viel: Ich habe mit meinem HJ60 und seiner Anhängerkupplung alle Dünen, die sich zwischen uns und dem „Lac Reched“ stellten, flachplaniert. Auf halber Strecke riss ein übermütiger Dünenkamm noch das Reserverad vom Wagenboden und ich musste es fortan sozusagen frei schwebend im Innenraum des 60er transportieren. Nicht gerade selten knallte es dann in den Dünentalern von hinten gegen meine Rückenlehne oder auch in mein Genick und erinnerte mich damit zuverlässig an meine nachlässige Reisevorbereitung. An jedem zweiten Dünenkamm blieb ich sowieso hängen und musste schaufeln. Was habe ich diesen bleischweren Spaten hassen gelernt!

Jeden Tag wurde die Stimmung innerhalb der Gruppe gereizter, die Vorwürfe gemeiner und meine Verzweiflung immer größer. In den acht Tagen im Sand zwischen Ksar Ghilane, Lac Reched und Tambouine verlor ich sieben Kilo Gewicht. Ich habe einfach irgendwann vor lauter Gram aufgehört zu essen. Und wer mich persönlich kennt, weiß, was das bedeutet. Dummerweise hätte meine Unerfahrenheit noch beinahe dazu geführt, dass ich mich mit dem 60er seitlich überschlagen hätte. Bei der Überquerung einer schmalen, halbrunden Düne rutschte plötzlich der Sand unter dem Auto weg: Der Toyota rutschte mit, aber anstatt sofort das Auto beherzt talwärts zu steuern und die Situation damit zu entschärfen, machte ich einen typischen Anfängerfehler und versuchte den Toyota wieder bergaufwärts zu lenken! Natürlich geriet der Wagen dadurch in eine extreme, gefährliche Schräglage, aus der mich meine Mitreisenden befreien mussten. Nachdem man das Umkippen des Wagens dadurch verhinderte, indem man einen langen Bergegurt seitlich durch das Wageninnere und über das Dach führte, an einem anderen Fahrzeug befestigte, es leicht unter Zug setzte und damit mein Fahrzeug sicherte, konnte ich mich an dieser Leine hängend aus dieser misslichen Lage befreien. Da bin ich nicht stolz drauf, aber so etwas passiert einem Anfänger unter Umständen schon einmal.

Noch unter dem Eindruck dieses Beinahe-Abrollers bot ich meinem HJ60 einen Deal an: „Wenn Du uns heil nach Hause bringst,“ so bettelte ich, „dann bekommst Du ein wunderschönes OME-Fahrwerk „Extra schwere Ausführung“ – versprochen!“ Der 60er erfüllte seinen Anteil an unserer Vereinbarung und wir erreichten den See schließlich doch noch ohne jedwede Blessuren. Anschließend kämpften uns dann nach Osten zum Berg Tembaine durch, heraus aus dem kurzen Dünengeschrabbel und damit auf die offene Piste.

Auch der Rest der Reise gestaltete sich unangenehm. Man schnitt mich, ließ mich Verachtung spüren und behandelte mich wie den letzten Dreck. Sogar jetzt noch, während ich diese Zeilen eintippe, schnürt mir die aufsteigende Wut über die Behandlung damals heute noch den Hals zu. Die Rückfahrt mit der Fähre verbrachte ich allein. Von meinen Mitreisenden keine Spur. Aber das war nicht schlimm, denn ich habe ihre Gesellschaft nicht vermisst. Um alles noch ein wenig schlimmer zu machen, gebärdete sich das Meer extrem unfreundlich. Das war die rauheste Überfahrt, die ich erlebt habe! Und da ich ja keine Kabine gebucht hatte, saß ich zusammen mit lauter sich heftig übergebenden Passagieren in den Gängen. Was für eine grauenhafte Nacht! Ich habe kein Auge zugetan und war dementsprechend völlig erledigt, als ich mit dem Toyota in Genua von der „Carthage“ in den Hafen rollte. Die Heimfahrt hielt zusätzlich noch einige Überraschungen für mich bereit: Schnee und Glatteis auf dem San Berhardino (Horror!) und mitten in der Nacht entdeckte ich bei einem kurzen Stop in der Nähe von Ulm noch eine heftig tropfend lecke, weil durchgerostete, Diesel-Rücklaufleitung. So begann ich einen wahrhaften Endspurt nach Hause, möglichst mit Vollgas, denn was ich vorne verbrannte, diente zumindest der Fortbewegung und tropfte nicht hinten wirkungslos auf die Straße. Morgens um vier Uhr kam ich zu Hause an. Mit den letzten Tropfen Diesel.

NIE MEHR! – dessen war ich mir sicher – würde ich mich so einem Stress aussetzen. Das wars – einmal und nie mehr wieder!

Nach wenigen Wochen betrachtete ich die Dinge aber schon etwas differenzierter. Schließlich hatte ich es geschafft, mich trotz widriger Sandverhältnisse, mit einem völlig platten Fahrwerk, chinesischen No-Name-Reifen und ohne die geringste Fahr-Erfahrung im Sand bis zum „Lac Reched“ durchzukämpfen. Natürlich hielt ich auch mein Versprechen: Wenige Wochen nach meiner Rückkehr bekam der brave 60er ein OME-Fahrwerk „extra schwer“, mit Lenkungsdämpfer und abschmierbaren Schäkeln. Das machte jetzt schon ein Bild, das sah doch gleich ganz anders aus!

hj60_faith

Das neue Fahrwerk musste natürlich eingeweiht werden! Es folgte deshalb im Sommer 2004 eine Skandinavien-Reise, zusammen mit meiner Frau. Was liebte ich diesen Toyota! Ich fühlte mich völlig unangreifbar und jeder Situation gewachsen. Der 60er war unser Schneckenhaus und brachte uns überall hin und vor allem wieder nach Hause. Und dieses herrliche Fahrwerk! Das lautlose Getriebe! Mit keinem Auto kann man so viele Kilometer am Stück so mühelos zurücklegen, wie mit einem Landcruiser. Dänemark, Schweden, Norwegen und zurück in knapp zehn Tagen. Das war eine wunderschöne Reise!

hj_60_in_schweden

Diese positiven Erfahrungen machten mich dann leichtsinnig. Ich ließ mich im Früjahr 2005 wieder auf eine Tunesien-Tour ein. Diesmal waren wir aber nur zwei Fahrzeuge. Der Kollege mit dem HZJ75, als dessen Beifahrer ich meine ersten Sahara-Erfahrungen machen durfte und unsere Wenigkeit mit dem HJ60. Im HZJ75 saßen zwei Personen und auch ich fuhr zusammen mit meiner Frau. Ich hatte große Bedenken und einen wahnsinnigen Bammel vor dieser Reise. Meine Frau war mit ihrer Geduld mit mir beinahe am Ende, denn ich muss vor Aufregung  krank gewesen sein damals! Aber es kam ganz anders: Von der Last der Anhängerkupplung befreit und mit nunmehr ernstzunehmender Bodenfreiheit ausgestattet, schwebte der HJ60 jetzt geradezu durch den Sand! Was für ein Unterschied! Wir haben kaum geschaufelt diesmal und bereits nach kurzer Zeit fürchteten wir uns vor nichts mehr!

hj_60_2006_tunesien_1

Obwohl der HZJ75 unserem braven HJ60 um fast 60 PS voraus war (HDJ-Motor!), hatten wir, sicherlich wegen des deutlich geringeren Gesamtgewichts, nur geringe Probleme ihm zu folgen. Das war ein Gefühl! Nunmehr war der Damm gebrochen und ich konnten gar nicht mehr genug vom Sand bekommen! Meine Frau war nicht so begeistert. Zu viel Schmutz, zu viel primitiv. Das war ihre erste und einzige Sahara-Tour. Man hatte mir von Anfang an prophezeit: Entweder einmal Wüste und nie mehr wieder, oder man kommt nicht mehr davon los! Und so unternehme ich meine Wüsten-Reisen fortan alleine mit dem 60er.

hj_60_2006_tunesien_3

Von nun an machte ich endlich die Reisen, von denen ich so lange geträumt hatte! Ich versuchte jetzt ein- bis zweimal im Jahr in die Sahara zu kommen, was mir auch weitgehend gelang. So reiste ich im August 2006 durch Marokko. Was rückblickend kein besonders gutes Timing war, denn die Hitze während dieser Reise war mörderisch!

marokko_2006_2

marokko_2006_1

Wir hatten einige Nächte mit deutlich über 40 Grad. Das macht keinen Spaß mehr, wenn man gezwungen ist im Auto zu schlafen. Denn auf dem Erdboden gab es für meinen Geschmack zu viel Krabbelgetier und das Wagendach zierte bereits ein kurzer Dachgepäckträger. Ich teilte mir dann das Fahrzeuginnere mit 50 Litern Wasser und 120 Litern Diesel, die sich während des Tages wirkungsvoll aufgeheizt hatten und während der Nacht erfolgreich verhinderten, dass die Temperatur im Wageninneren auch nur um ein Zehntelgrad sank. Was für eine Qual es ist, an einem Ort Schlaf zu suchen, an dem alles, aber auch wirklich alles, wärmer als der eigene Körper ist, vermag nur derjenige zu ermessen, der so etwas schon einmal durchgemacht hat.

marokko_2006_3

Aber die unglaubliche landschaftliche Vielfalt  Marokkos machte das alles wieder wett. Leider hatten wir für die komplette Reise lediglich zwei Wochen zur Verfügung. Das ist für Marokko einfach zu knapp. Aber ich komme sicherlich wieder!

2007 war ein geradezu schicksalsträchtiges Jahr. Ich lernte eine weitere im süddeutschen Raum beheimatete Werkstatt kennen, deren Inhaber sich, wie sich herausstellte, auch als Reiseveranstalter betätigte. Es ergab sich eine Zeit der beruflichen Zusammenarbeit, die bis zum Sommer 2008 währte. In dieser Zeit hatte ich Gelegenheit an vier Fahrten ins tunesische Sperrgebiet teilzunehmen. Leider endete die Zusammenarbeit jäh und damit auch meine Teilnahme an den Reisen.

tunesien_2007_1

Aber während dieser zwar relativ kurzen, an Erkenntnissen und Erlebnissen aber reichen  Zeit, durfte ich einige Freundschaften knüpfen, die für mich mittlerweile sehr, sehr wertvoll sind und seither eine ganz wichtige Rolle in meinem Leben spielen. Auch wenn man teilweise schraubengefederte Klimaanlagenträger als Fahrzeuge bevorzugt.

Darunter befindet sich auch Tahar aus Douz, der uns auf allen diesen Reisen als Guide begleitete. Ihm wäre eigentlich ein eigenes Kapitel zu widmen, was ich aber schon hier gemacht habe. Auch ihn darf ich mittlerweile als lieben Freund bezeichnen.

the good, the bad and the ugly
Gruppenbild: No.001 („The Bad“), No.003 („The Good“) und No.002 („The Ugly“)

So fällt die Gründung der „Blattfeder-Gang“ nicht zufällig mit der dritten Tunesientour unter süddeutscher Flagge zusammen. Auf dieser Tour reifte auch der Entschluss, den kreuzbraven, ausnahmslos zuverlässigen und eigentlich völlig ausreichenden 2H-Motor (4.0l, 6-Zylinder Vorkammer-Saugdiesel 103 PS) in meinem J6 gegen einen 12HT-Motor (4.0l, 6-Zylinder Turbo-Direkteinspritzer 136 PS) auszutauschen. Damit begann eine mittlere Odyssee. Denn der erste 12HT-Motor, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schon waidwund erstanden, starb nach 10000 km entgültig.

Merke: Es „passt“ ganz und gar nicht und ist durchaus Anlass zur Sorge, wenn der 12HT im Takt der Kurbelwellen-umdrehung Öldampfwolken aus der geöffneten Öleinfüllöffnung drückt wie eine Dampflok…

Aber ein Rückbau kam nicht mehr in Frage. Denn wenn man erst einmal am Honigtöpfchen naschen durfte… der Lustgewinn ist einfach frappant – und weit aufregender, als es die reinen Papierdaten vermuten lassen!

Es folgte eine einjährige Zwangspause, in der ich auf eine wundersame Heilung der Maschine hoffte, die sich aber partout nicht einstellen wollte und in der sich mein 60er taten- und motorlos die Reifen in die Radkästen stand. Und ich keinen LandCruiser zur Verfügung hatte! Nachdem ich aber die schmerzhaften Tatsachen akzeptiert und den 60er wieder nach Hause geholt hatte, gelang es mir schließlich einen anderen 12HT in den Niederlanden erwerben. Der macht seine Sache deutlich besser: Mit eher weniger als 9,5 l/100 km Diesel-Verbrauch (Landstraße, Autobahn mit 100-110 GPS-km/h; schneller sollte man einen älteren LandCruiser meiner Meinung nach sowieso nicht bewegen, für noch höhere Tempi ist er einfach nicht gedacht und der Verschleiß im Antriebsstrang steigt dabei überproportional an),  kaum 1,0 l/10000 km Ölverbrauch und ausreichend Leistung, vergisst man das nicht unerhebliche „Losbrech-Moment“ dieser Aufrüstungs-Aktion schnell.

Aus dem Spaß mit der „Blattfeder-Gang“ wurde mittlerweile Ernst – zumindest, wenn ich mir den Zeitaufwand für die Gestaltung und Pflege unserer Website vergegenwärtige. Am Anfang waren nur der 45er und der 60er. Mittlerweile haben sich 75er und auch ältere, blattgefederte Toyota Hilux als Interessenten gemeldet. Zu recht natürlich, nur hatte damals niemand an so etwas gedacht. Und was ist eigentlich mit den 78ern? Zumindest deren Hinterachse müsste ja auch akzeptiert werden! Nun, Rom wurde nicht an einem Tag gebaut und wir werden sicherlich auch eine Lösung für diese Herausforderungen finden!

In diesem Sinne bin ich schon sehr gespannt, was die Zukunft für die Blattfeder-Gang und damit auch für mich bringen wird. Wie sich bereits beim Buschtaxitreffen 2009 zeigte, ist das Interesse und die Akzeptanz ermutigend. Allein für die bereits geknüpften Kontakte hat sich die Mühe schon fast gelohnt und wir stehen ja erst ganz am Anfang.

Ich ertappe mich jetzt manchmal dabei, von gemeinsamen Wüstenausritten blattgefederter Artgenossen zu träumen, ganz bewusst entschleunigt und ohne umsatzsteigerndes, materialverschleißendes Rasen, mit der Gelegenheit, zusammen mit Gleichgesinnten schöne Zeiten in wundervollen Landschaften zu verleben und neue Freundschaften entstehen zu lassen…

„Maybe I´m a dreamer, but I´m not the only one” (John Lennon)

 


Zum Seitenanfang

 

Hier geht es zurück zur Startseite