Winter – einmal ganz anders!

Von Johannes, No.002

Schon 2010 stand für mich fest: Diese frustrierenden und depressionsfördernden deutschen Winter halte ich nicht mehr aus! Alles Grau in Grau, Regen, dann vielleicht Schnee, und wenn man dann in der Silvesternacht denkt „Jetzt geht es ja wieder aufwärts, jetzt ist das Schlimmste vorbei!“, dann – ja dann geht es ja erst so richtig los mit dem ganzen Mist. Dann erst kommt der richtige Frost.
Und so stand es für mich fest: Diesmal gehe ich nach Tunesien! Diesmal bleibt der Winter zurück und ich reise dorthin, wo tagtäglich der Himmel so gut wie wolkenlos, die Sonne den ganzen Tag am Himmel und die Temperaturen frühlingshaft bleiben!
Doch der Mensch denkt, der große Zyniker lenkt… Etwa vier Wochen vor der geplanten Abfahrt stellten sich gesundheitliche Probleme ein und verdichteten sich sehr schnell zu einer echten Bedrohung. Damit war der Traum einer Überwinterung erst einmal ausgeträumt… Im Nachhinein war das aber wohl auch nicht so schlimm. Hätte ich doch meine erste Überwinterung just zum Höhepunkt der Yasmin-Revolution angesetzt gehabt.

So verschob ich meine Pläne einfach um ein Jahr und bereitete mich überhaupt nicht weiter auf eine Überwinterung vor. Lediglich bei meinem Trip zusammen mit den Nordländern nach Tunesien im August 2011, weihte ich meinen tunesischen Freund Tahar in meine Absichten ein. Das sei alles kein Problem, so meinte er. Haus und Internet warteten sozusagen schon auf mich. Ein Haus bzw. eine Wohnung zu mieten, erschien mir von vornherein erstrebenswerter, als acht Wochen am Stück im Toyota zu übernachten (…das verstehst Du doch, nicht wahr, Monsieur Boubou?) Eine Internetanbindung war essentiell wichtig – wollte ich doch auf jeden Fall die Möglichkeit haben, mich auch weiterhin um meinen Broterwerb zu kümmern. So verging das Jahr…

06.01.2012 – Es geht los!
Km-Stand zu Beginn der Fahrt ist 326 892. Ich bin total angespannt und die letzten Tage vor der Abreise waren, wie immer, die Hölle. Da ich ja diesmal vorhatte, nicht nur, wie üblich, zwei Wochen, sondern gleich zwei Monate wegzubleiben, durfte ich nichts übersehen. Ich will dem geneigten Leser die geballte Paranoia ersparen, es muss damit genug sein, dass es diesmal wirklich schlimm war.
Und so geht es los, natürlich später als geplant und trotzdem werde ich von der Gewissheit gepeinigt, etwas ganz Wichtiges vergessen zu haben. Bis hinter München wage ich es nicht Musik zu hören, ich lausche angespannt jedem Geräusch des Autos. Aber schließlich scheine ich mich doch etwas zu entspannen und ich schalte Musik ein. Langsam bekomme ich sogar so etwas wie gute Laune, ich singe vereinzelt sogar mit und bastle zuversichtlich an einer leichten Form von Optimismus.
Plötzlich durchfährt mich ein Schrecken: Was ist das für eine rote Warnleuchte? So ein Mist – die Lade-Kontrollleuchte leuchtet! Mist, Mist! Ich checke kurz die Bordspannung: Sie ist von beruhigenden 28 V auf besorgniserregende 24 V gefallen. Das bedeutet, die Lichtmaschine lädt nicht mehr, die ganze Fuhre lebt ausschließlich von den Batterien. Ich hoffe inständig auf einen gerissenen Keilriemen. Das wäre dann nicht so wild, davon habe ich genug dabei! Ich aktiviere die Warnblinkanlage, halte auf dem Standstreifen, öffne die Motorhaube und blicke in den Motorraum. Nichts – der Riemen ist an Ort und Stelle, die Lima dreht sich fleißig, alle Kabel sind fest und ein offensichtlicher Fehler ist damit optisch nicht festzustellen. Ich klopfe auf den Laderegler, denn selbst die kompliziertesten elektronischen Geräte lassen sich bei Störungen durch herzhafte Schläge auf die Geräteoberseite zu normalem Verhalten bewegen, so sagt man wenigstens – aber keine Wirkung! Nun, einen Versuch war´s wert…
Ich zücke mein Mobiltelefon und rufe meinen Freund Wolfgang Lindackers, No.001, an, seines Zeichens ein begnadeter Spezialist für Toyota LandCruiser. Er rät mir, erst einmal die Ruhe zu bewahren, dann bis zur nächsten Ausfahrt zu fahren, die Autobahn zu verlassen und anschließend den ADAC anzurufen.
Die nächste Ausfahrt ist „Weyarn“. Mir fällt jetzt ein, dass heute in Bayern ja Feiertag ist und keine normale Werkstatt geöffnet hat. Auch das noch! Bereits ziemlich entmutigt verlasse ich die Autobahn und fahre zur nächsten Tankstelle. Dort angekommen, verständige ich den ADAC. Wozu ist man denn Premium-Mitglied? Es schneit mittlerweile ordentlich und es liegen gut 10 cm Schnee abseits der Autobahn. Nach kurzer Zeit erscheint ein Abschleppwagen. Der freundliche Fahrer stellt nach kurzer Überprüfung fest: Diese Lichtmaschine geht nicht mehr! Und so etwas kann man hier und heute auch nicht kaufen. Ich sollte mir einen Leihwagen nehmen und nach Hause fahren. Na Bravo! Meine so mühsam aufgebaute Reisestimmung fällt wie ein missratenes Soufflée in sich zusammen…
Mittlerweile ist der ADAC wieder verschwunden, natürlich nicht, ohne sich von mir zwei Unterschriften für die geleistete Hilfe geben zu lassen. Ich überdenke meine Lage, bin verzweifelt und will jetzt nur noch nach Hause!
Aber wird das denn gehen? Schließlich muss ich wegen der Witterungsverhältnisse mit Licht fahren und werde auch, zumindest ab und zu, den Scheibenwischer und die Blinker brauchen. Nach Hause sind es von hier aus etwa 260 km. Ob das gut geht – nur mit Batteriestrom? Ich versuche das Risiko abzuschätzen und komme zu dem Schluss: Es könnte gehen! Flugs kehre ich wieder auf die Autobahn zurück, aber diesmal in Gegenrichtung!
Nach wenigen Kilometern läutet mein Mobiltelefon, es ist Wolfgang, der sich nach dem Stand der Dinge erkundigt. Ich erkläre ihm, ich hätte meine offensichtlich zu ehrgeizigen Reisepläne aufgegeben und befände mich auf dem Rückweg nach Hause, in die Geborgenheit der süßen Heimat! Er ist entsetzt und überredet mich, so schnell wie möglich anzuhalten und auf seinen Rückruf zu warten, er hätte möglicherweise noch einen Trumpf in Petto! Das verspreche ich ihm und halte an einem, wie gerufen erscheinenden, Rastplatz. Dort treffe ich auch den freundlichen Herrn vom ADAC wieder, der hier offensichtlich seinen Horst unterhält. Er gibt mir noch ein paar nutzlose Ratschläge und eine Telefonnummer, an die ich mich, wenn denn alle Stricke reißen sollten, wenden solle. Ich bedanke mich für seine Fürsorge und er geht ab.
Die Zeit vergeht, hätte ich genug dafür, ich würde mir die Haare raufen ob des unfairen Verhaltens der schicksalsbestimmenden Mächte im Universum! Da – das Handy klingelt! Ohne wirklich große Erwartungen nehme ich Wolfgangs Anruf entgegen. Er gibt mir die Handynummer von einem „Dirk“ durch, mit dem er „bereits schon mal Kontakt“ hatte und der „eigentlich ganz in der Nähe von mir sein müsste“! Der hätte unter Umständen eine gebrauchte Lichtmaschine für mich und würde die mir auch helfen einzubauen! Hmmm – das klingt ja schon fast ein wenig gut! Ich danke Wolfgang, verspreche, ihn auf dem Laufenden zu halten und wähle „Dirks“ Nummer. Der geht sofort ans Telefon und gibt mir seine Adresse. Ich gebe sie rasch in das Navigationsgerät ein und – es sind gerade einmal 55 km bis dorthin! Und noch dazu in der richtigen Richtung! Ich mache mich auf den Weg, den Blick ständig rasch zwischen dem Verkehrsgeschehen, dem Navi und der Anzeige für die Bordspannung wandern lassend. Dabei permanentes Hochrechnen der Chancen auf erfolgreiches Ankommen bei den verbleibenden Kilometern bis zu Dirks Werkstatt und der Geschwindigkeit des Absinkens der Bordspannung. Die Ergebnisse fallen erstaunlich gut aus, ein nennenswertes Absinken der Bordspannung ist nicht zu beobachten!
Was ist das? Wie bitte? Stau? Das Navi meldet tatsächlich einen Stau wegen eines Unfalles auf dem Autobahnstück vor mir. Den kann ich aber jetzt wirklich gar nicht gebrauchen – also wirklich! Muss das denn nun echt so spannend gemacht werden? Ich bitte das Navi um eine Ausweichroute und die Bitte wird mir gewährt! Nur um die acht Kilometer Umweg, das geht ja noch! Endlich, endlich komme ich an der Adresse an. Nach einem kurzen Moment der Orientierungslosigkeit entdecke ich einen HJ61 links von mir. Hier muss es sein, ich lenke in den Hof und stelle meinen 60er neben, so nehme ich an, Dirks 61er. Da kommt er auch schon! Wir begrüßen uns und nach wenigen Worten verschwindet Dirk im Motorraum meines 60ers. Er ist nicht zufrieden, die Lima, die er für mich gedacht hatte, unterscheidet sich nicht unwesentlich in der Länge von der in meinem 60er verbauten. Aber noch gibt Dirk nicht auf. Während er mir die Kurzfassung der Entwicklung seiner Leidenschaft für alte LandCruiser zuteil werden lässt, schraubt er eifrig an der defekten Lichtmaschine. Plötzlich ein Laut des Triumpfes: Dirk meint, ich hätte verdammtes Glück und käme mit der kostengünstigsten Möglichkeit davon. Er hält mir ein ausgebautes Teil dicht unter die Nase und erklärt mir, das wären die völlig abgenutzten Kohlen aus der Lima meines 60er. Um mir das Verständnis zu erleichtern, hält er zum Vergleich zwei offensichtlich neue Teile daneben. Es dauert eine ganze Weile, bis ich die Konsequenzen begreife.
Moment mal, hier also die abgenutzten Kohlen der Lima, die den Defekt verursachen, da zwei zweifelsohne neue und funktionsfähige Exemplare…das würde ja bedeuten, ja also, hier kaputt, da Ersatzteil…einen Moment…kann es wirklich sein? Kann das wirklich passieren? Ich und Glück? Die Fahrt kann eventuell doch noch stattfinden?
Bevor ich völlig in Euphorie ausbreche, bremse ich meine Erwartungen vorsichtshalber erst einmal jäh. Noch ist ja nichts repariert. Doch Dirk wirkt durchaus zufrieden und zuversichtlich. Eine halbe Stunde später haben wir die Reparatur erfolgreich durchgeführt. Ich bitte Dirk, den abschließenden Funktionstest durchzuführen, denn die Ehre gebiert meines Erachtens ihm. Der Motor springt an, die Ladekontrolle verlischt und die Bordspannung steigt langsam und stetig auf Werte, die darauf schließen lassen, dass der Fehler nunmehr behoben sei. Gepriesen sei mein Schicksal!
Um den erfolgreichen Verlauf der Reparatur zu feiern, gebe ich Kuchen aus und Dirk bereitet 1,5 Tassen Kaffee. Mehr Néscafé ist nicht mehr in Dose. Aber was macht das schon?
Wir klönen noch eine gute halbe Stunde und Dirk zeigt mir alle seine Schätzchen, darunter ein rostfreier 61er aus Spanien und ein gut erhaltener FJ40 aus USA. Der ist ein sehr frühes Exemplar, so erfahre ich, erkennbar an der geteilten Haube. Dirk möchte 40.- Euro für die Kohlen und seine Hilfe. Ich gebe sie ihm gerne! Wir vereinbaren ein Wiedersehen unter stressfreieren Bedingungen und verabschieden uns, jetzt geht es stracks zurück auf die Autobahn.
Ich habe etwa fünf Stunden verloren und beschließe deshalb, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, in der Dunkelheit weiter zu fahren. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, was mich im Hafen von Genua erwartet, hätte ich mir einigen Stress ersparen können. Aber so kämpfe ich mich durch den Schneefall, aber auf freier Autobahn, bei Dunkelheit über den Brenner-Pass.

07.01.2012 – Irgendwo in der Lombardei
Jetzt bin ich in Italien, der Brennerpass und die Alpen liegen hinter mir und ich fühle mich richtig gut. Kurz vor dem Gardasee beschließe ich ein wenig Weg abzukürzen und verlasse die Autostrada, um den Gardasee auf einer Landstraße zu umfahren, was mir günstiger erscheint.
Sehr schnell wird mir klar, das war nicht wirklich eine gute Idee! Aber ich hoffe auf Besserung und fahre weiter. Es wird nicht besser: Mit respektwürdiger Akkuratesse folgt die, bei Tageslicht und auf einem Motorrad oder in einem offenen Cabriolet sicherlich irrsinnig reizvolle, Straße auch noch der kleinsten Unregelmäßigkeit im Uferverlauf des Lago di Garda. Dankeschön – in einem von Kurve zu Kurve schwankenden LandCruiser bei Dunkelheit ist das nicht eben der Brüller. Zudem einem die tödlichen Verwünschungen der, sich in ihren suizidalen Bemühungen ungerechtfertigt ausgebremst fühlenden, Möchtegern-Ferraristi geradezu Löcher in die Heckklappe brennen.
Doch auch der Gardasee ist irgendwann zu Ende, die Straße nimmt an nutzbarer Breite zu, die Dichte der in Bodennähe fliegenden Kampfpiloten hingegen erfreulich ab.
Wieder auf der Autostrada, leiste ich mir den Luxus Müdigkeit zu verspüren. Noch um die 240 km bis Genua – kein Problem, das schaffe ich locker auch noch nach ein paar Stunden Schlaf. Und den genehmige ich mir dann auch auf einem Autobahnrastplatz in der Lombardei. Ich suche mir ein lauschiges Plätzchen mitten zwischen LKWs und gehe zu Bett. Gespannt bin ich, wie sich der neue Daunenschlafsack bewähren wird. Doch er macht seine Sache gut, ich schlafe herrlich.
Nach einer mit -4°C recht kühlen Nacht stehe ich um 9 Uhr auf. Die Sonne scheint! Ich riskiere einen Blick in den Motorraum und kontrolliere ´mal so eben den Ölstand. Hoppla! Viel zu wenig? Unterhalb Minimum! Ich fülle 1,5 Liter nach, jetzt ist alles wieder ok. Nun ja, seit dem Ölwechsel im August habe ich nicht mehr kontrolliert. Das ist jetzt ja auch mindestens 5000 km her. Auf den morgendlichen Schreck hin genieße ich erst einmal einen extrem leckeren Espresso. Serviert wird er mir von einer ausgesprochen sympathischen Signorina. Ach, wenn doch die Bedienungen in Deutschland auch immer so gutgelaunt wären! Die Toiletten übrigens, sind blitzsauber und über jeden Zweifel erhaben!
Die weitere Fahrt nach Genua gestaltet sich eigentlich problemlos, lediglich zweimal kurz hintereinander habe ich den Geruch nach geschmolzener Kabelisolierung im Auto! Kam aber wohl von außen – gut gegangen! Die Tankanzeige zeigt merkwürdige Werte an. Wird viel zu schnell immer weniger, als ob der Tank leckgeschlagen wäre. Die Kraftstoffleitungen? Ich halte an und blicke unter den Toyota: Nichts zu sehen! Ich fahre weiter, und die Anzeige normalisiert sich wieder. Ankunft im Hafen gegen 12.00 Uhr mittags bei herrlichem Wetter und Sonnenschein.
Im Hafen sehe ich am ersten Check-In eine in französischer Sprache verfasste Mitteilung. Den Inhalt interpretiere ich mit einiger Mühe als Entschuldigung der Reederei CTN für eine erhebliche Verspätung der „Carthage“. Verspätung? Ich beschließe das erst einmal zu ignorieren. Aber sehr bald erfahre ich, dass die „Carthage“ tatsächlich später erwartet wird – sehr viel später, wie sich noch herausstellen soll!
Für die Unannehmlichkeiten der Wartezeit und den verlorenen Tag erstattet CTN jedem Reisenden 80.-. Euro. Das finde ich sehr nett und gar nicht selbstverständlich. Und das sage ich auch den Leuten hinter Panzerglas, deren Aufgabe es ist, ein sehr, sehr dickes Geldbündel schrittweise abzuschmelzen. Damit bin ich wohl der Erste – jedenfalls wirken sie mehr als überrascht von meiner Einschätzung!

Sonntag, 08.01.2012
Tatsächlich verspätet sich die Ankunft der Fähre um gute 15 Stunden. Obgleich sie schon gegen Mitternacht vor Genua ankommt, verweigert man ihr die Einfahrt in den Hafen bis zum Morgen des 8. Januar um 6 Uhr. Damit die italienischen Grenzer nicht etwa mitten in der Nacht zur Arbeit müssen, die Ärmsten!
Die italienischen Grenzer erscheinen schließlich gegen 8 Uhr. Das ist dann aber auch höchste Zeit, denn langsam macht sich unter den ausharrenden Reisenden massiver und lautstark geäußerter Unmut breit.
Irgendwie habe die lange Wartezeit gut hinter mich gebracht und bin glücklicherweise um 10.15 Uhr auf der Fähre, nehme meine Kabine, die mir erstmalig in der Geschichte ganz alleine zur Verfügung steht, in Besitz und beobachte das Verlade-Treiben von Deck aus.
Ich gönne mir insgesamt eine Ruhepause von etwa drei Stunden, dann gehe ich die leidige, aber unumgängliche Angelegenheit mit Zoll und Polizei an Bord an. Das dauert dann insgesamt bis fast 15.00 Uhr, also knapp zwei Stunden. Was eigentlich recht schnell ist, das hatten wir schon länger.
Aber von nun an kann ich die Reise ohne weitere Verpflichtungen „genießen“. Moment – Anführungszeichen? Jawohl, denn der heftige Westwind lässt die „Carthage“ ordentlich und durchaus unangenehm heftig rollen.
Nach einiger Zeit stelle ich fest: Das Rollen hat aufgehört! Ein Blick nach Draußen klärt die Sachlage. Wir fahren, ungewöhnlich dicht diesmal, wohl wegen des starken Seitenwindes, an Korsika und Sardinien vorbei und befinden uns damit im Windschatten der Inseln. Sogar einzelne Gebäude kann man mit bloßem Auge erkennen. Kein Schnee auf den Gipfeln der Berge! Was sind das übrigens für Inseln an Backbord?
In den Schlangen vor dem Zoll und der Polizei habe ich auch die Besatzungen der anderen drei Toyotas, ein silberner 100er mit Heckumbau aus Bielefeld, ein dunkelblauer 80er aus NL mit Heckumbau von Maltec und ein, ich glaube es war ein sandfarbener, 80er aus Deutschland, identifizieren können. Ihr Wortführer ist zweifellos der Kollege aus Bielefeld: Unschwer in seiner betont sportiven Aufmachung als bekennender Toyotist zu erkennen, unterhält er die staunenden Mitglieder seiner Truppe mit Darreichungen aus seinem, offensichtlich reichen, Erfahrungsschatz.
Ich gebe mich ihnen gegenüber als Landsmann zu erkennen und frage sie, wohin sie denn später in Tunesien reisen würden. Sie würden u.a. auch erst einmal nach Douz fahren, teilt man mir bereitwillig mit. Meine Frage, ob ich mich, da ich alleine unterwegs sei, ihrer Gruppe für den Weg bis nach Douz anschließen dürfte, erzeugt lediglich peinliches Schweigen und große Augen.
Aha – auch gut: Dann weiß ich zumindest Bescheid! Nicht, dass ich jetzt in Panik verfallen würde. Aber ich hätte eine derartige, an mich gerichtete, Bitte niemals abgeschlagen. Und ich glaube, auch niemand in meinem Bekanntenkreis hätte sich derart verhalten.
Ich gehe nach Erledigung der Formalitäten an Deck und genieße den Sonnenschein. Gut und gerne 15°C hat es im Schatten. Das macht vieles wieder wett! Bis hierher habe ich es geschafft und ich werde wohl morgen auch den Hafen von Tunis erreichen. Mal sehen, wie es weitergeht!

Montag, 09.01.2012
Das Frühstück an Bord wird aufgrund der völlig verschobenen Abfahrt bereits für zwischen 6.30 und 7.30 Uhr angesetzt. Ich genehmige mir vorsichtshalber nur zwei Milchkaffee. Wer weiß, was noch alles kommt und etwas Richtiges essen kann ich später auch noch. Es ist etwa 8.30 Uhr: Ankunft in Tunis! Das Entladen geht sehr flott, die Zollformalitäten verlaufen absolut problemlos, aber die Wechselstuben haben noch nicht geöffnet. Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich Euro in Dinar wechseln darf.
Aber gegen 10.00 Uhr komme ich aus dem Hafenbereich heraus. Ich habe also reichlich Zeit um die ganze Strecke am Stück herunterzuspulen, kann somit auf die Zwischenübernachtung in Hammamet verzichten, also: Ab nach Douz! Diesmal treffe ich auch die neue Umgehung des Stadtinneren mit der Ausschilderung „Sousse“. Die Verbesserung gegenüber der Fahrt durch Tunis ist aber nicht wirklich erwähnenswert. Irgendwie fehlt mir auch die gewohnte Begrüßung durch das Auftauchen des großen Blumenkiosks auf der rechten Straßenseite kurz vor dem ersten Kreisverkehr in Tunis.
Die Fahrt über die A1 bis nach Sfax verläuft sich völlig unspektakulär. Insgesamt betragen die Autobahngebühren weniger als 10 Dinar. Kurz vor Sfax geht es dann auf die sehr gut ausgebaute Hauptstraße bis kurz vor Gabes, von dort aus nach Kebili und jetzt sind es nur noch knapp 30 km bis nach Douz. Dort komme ich gegen 16:30 Uhr an. Bis Gabes übrigens regnet es die ganze Zeit, erst danach klart der Himmel auf und Sonnenschein wärmt das Wageninnere.

Mittlerweile…

…bin ich seit mehr als sechs Wochen hier und habe meinen Entschluss noch nicht bereut. Es war, wie auch in Europa, für die Jahreszeit viel zu kalt. Aber mehr als 3 von 4 Tagen schien die Sonne! Es ist nicht die Temperatur (die immer 20° über der in Deutschland lag…), die den Unterschied macht – es ist ohne jeden Zweifel das Licht!

Und weil alles so schön klappt, werde ich auch noch bis nach Ostern bleiben. Den Abschluss meines persönlichen Winters wird eine Tour mit Freunden aus Deutschland und Norwegen bilden. Was für ein Leben! Was für ein Abenteuer!